Stefan Laurs ist promovierter Theologe und arbeitet an der Theologischen Hochschule in Vallendar. Er stammt aus Waldfeucht. 

Mein Wort ist Geist und Leben (vgl. Joh 6,63)

Für viele Menschen ist die Bibel ein sperriges Buch – schwer zu verstehen. Meiner Meinung nach ist es jedoch falsch, aufzugeben und das Wort Gottes zu vernachlässigen, denn Christen leben „von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“ (Mt 4,4). In diesem Impuls möchte ich etwas über meinen Umgang mit der Bibel, dem Wort Gottes erzählen. Ich finde es wichtig, dass sich Christen über ihre Erfahrungen mit der Heiligen Schrift austauschen und sich gegenseitig motivieren, aus dem Wort zu leben.

Bill Johnson, der Leiter der Bethel Church (Redding/Kalifornien) hat vor ein paar Jahren in einer Predigt einen mir nicht bekannten Autor zitiert, der etwas sehr interessantes und aufrüttelndes gesagt hat: „Sich über einen schweigenden Gott zu beschweren, während deine Bibel geschlossen ist, ist so, wie wenn man sich beschwert, keine SMS zu bekommen, während das Mobiltelefon ausgestellt ist.“

Die Bibel ist ein Medium, durch das Gott mit uns ins Gespräch kommen möchte. Das durfte ich mehrfach erfahren. Ich erinnere mich noch gut daran, wie Gott einmal an einem einzigen Tag mich mit mindestens zwei verschiedenen Bibelstellen auf ein Thema aufmerksam gemacht hat, das er mit mir bearbeiten wollte. Sicher gibt es andere Möglichkeiten, wie Gott mit uns ins Gespräch kommen kann, aber: Wir brauchen Sein Wort – es ist unsere tägliche geistliche Nahrung. Es ist – wie Jesus im Johannesevangelium betont – Geist und Leben: „Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben“ (Joh 55,10f.)

Gottes Wort ist also lebendig: „Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, ohne die Erde zu tränken und sie zum Keimen und Sprossen zu bringen, dass sie dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe“ (Jes 55,10f.). Das lebendige Wort Gottes ist – wie Papst Benedikt einmal herausgestellt hat – nicht rein informativ, sondern performativ. Es verändert und verwandelt uns! Zudem ist es eine „geistliche Waffe“: „Die Waffen, die wir bei unserem Feldzug einsetzen, sind nicht irdisch, aber sie haben durch Gott die Macht, Festungen zu schleifen; mit ihnen reißen wir alle hohen Gedankengebäude nieder, die sich gegen die Erkenntnis Gottes auftürmen“ (2 Kor 10,4).

So behält Pastor Johnson Recht, wenn er die geschlossene Bibel beklagt. Wir müssen das ‚Wort‘ öffnen und es anwenden, so dass es sich in unserem Leben manifestiert. Dabei können wir die Bibel nicht so lesen wie beispielsweise einen Roman. Vielmehr geht es darum, unser Denken mit dem Wort Gottes in Einklang zu bringen. Papst Benedikt sagte einmal über das Psalmengebet, dem Rezitieren der Psalmen: Normalerweise geht unser Denken dem Sprechen voraus, im Psalmengebet ist es andersherum: Das Sprechen geht den Gedanken voraus – wir müssen uns mit dem Geist einfügen in Gottes Gedanken. Das Wort Gottes ist also nicht nur eine Information, die ich bekomme und wieder beiseitelege. Das Wort Gottes will durchbetet, betrachtet, wiederholt, studiert und sogar in kleinen Teilen auswendig gelernt werden. So habe ich meinen Lieblingsvers, der aus dem Psalm 32 stammt, über meinen Schreibtisch geklebt und später auswendig gelernt. Dort spricht Gott eine Wahrheit, die sich auch in meinem Leben immer wieder zeigt: „Ich unterweise dich und zeige dir den Weg, den du gehen sollst. Ich will dir raten, über dir wacht mein Auge“ (Ps 32,8). Dieser Vers ist für mich sehr wichtig geworden. Ich wende ihn oft in der „Du-Form“ an: „Du unterweist mich und zeigst mir den Weg, den ich gehen soll…“ Dazu aber später mehr.

An dieser Stelle könnte mir jemand folgenden Einwand entgegnen: Reden wir uns mit dieser Methode nicht etwas ein? – Diesbezüglich habe ich in meinem Leben immer wieder festgestellt, dass wir nicht unbeeinflusst durch das Leben gehen. Im Gegenteil: Wir werden stets beeinflusst. Wir werden durch unser Umfeld geprägt. Mitmenschen haben Einfluss auf uns. Dieser ist teils sehr positiv, kann jedoch auch sehr negativ sein. Zudem werden wir durch Medien (Fernsehen, Zeitung, Internet, Social Media usw.) geprägt. Werbung und Marketing versuchen uns zu erreichen und unser Kaufverhalten zu beeinflussen. Und ja: Auch durch die geistliche Welt sind wir Beeinflussungen ausgesetzt, letztlich durch den Teufel, der leider in Vergessenheit geraten ist, so dass er frei handeln kann. Es gibt also keine ‚neutrale Zone‘, in der wir unbeeinflussbar leben können!

Was setzten wir dagegen? Ich bin der Meinung, dass wir hier mehr als ‚nur‘ guten Willen brauchen. Diesbezüglich kann uns Gebet und Gottes Wort sowie Gebet mit Gottes Wort Kraft und Orientierung geben.

Ich möchte es jedoch nicht bei der bloßen Theorie belassen, sondern ein kleines praktisches Beispiel geben. Diese ‚Methode‘ habe ich von einem sehr inspirierenden Priester der charismatischen Erneuerung gelernt. Dazu lesen wir zunächst eine weitere Stelle aus der Heiligen Schrift, die ich sehr liebgewonnen habe:

Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde von Philippi (Phil 4,4–9):

„4 Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!

5 Eure Güte werde allen Menschen bekannt. Der Herr ist nahe.

6 Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!

7 Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in Christus Jesus bewahren.

8 Im Übrigen, Brüder und Schwestern: Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter,
   liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht!

9 Und was ihr gelernt und angenommen, gehört und an mir gesehen habt, das tut!
Und der Gott des Friedens wird mit euch sein.“

In diesem Abschnitt aus dem Philipperbrief spricht Paulus die Gemeinde direkt an. Da der Brief an alle Gemeindemitglieder gerichtet ist, verwendet Paulus als Ansprache die 2. Person (Plural). Es heißt: „Freut euch…“ Jedoch ist dieser Brief – weil er Wort Gottes ist – auch an uns gerichtet. Ich versuche in meiner Bibelbetrachtung diese Stelle direkt zu mir sprechen zu lassen (2. Person, Singular): „Freue dich…“ Dabei ist es sogar gut, seinen Namen einzusetzen: „Freue dich N.N.“. So spricht uns der Text direkt an. Ich, ja ich bin gemeint! Wenn man diesen Text in dieser Form einmal durchmeditiert, merkt man, wie viel Dynamik er versprüht.

Letztlich besteht dann noch die Möglichkeit, den Text in der 1. Person zu lesen: „Ich freue mich“. So mache ich Gottes Wort zu meinen eigenen Worten und proklamiere es. Hierzu abschließend ein Beispiel, welches ich das „paulinische Morgengebet“ genannt habe:

Ein paulinisches Morgengebet

„Ich freue mich im Herrn zu dieser Stunde! Noch einmal sage ich: Ich freue mich! Meine Güte werde den Menschen bekannt. Der Herr ist nahe! Ich sorge mich um nichts, denn ich bringe meine Bitten mit Dank vor dich! Herr Jesus, komm mit deinem Frieden und hilft, dass ich den Tag über an dich denke!

Amen. Halleluja!“

 

Stefan Laurs, Vallendar